selected texts about the artwork of Christopher Sage
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ARTIST STATEMENT

Verlassene Vergnügungsparks und altertümliche Zirkusshows dienen als Themenfundus für Sages kaleidoskopische Gemälde. Er verwendet und verdreht die Zweifluchtpunktperspektive zur Konstruktion analoger virtueller Umgebungen. In diese können zusätzlich Objekte eingeführt werden, die unter Verwendung isometrischer, schräger und planometrischer Perspektive gefertigt wurden, was weitere subtile visuelle Reibungen erzeugt. Diese Labyrinthe verweisen auf frühe Computerspiele. Sages Interesse an Jahrmarktsunterhaltung, an Zauber- und Entfesslungskünstlern, Magiern und Mystikern, hat zu einer Serie von Porträts geführt, die verschiedene Konzepte von Identität -reale, performative, historische und fiktive - erkunden und miteinander verschmelzen. Gegensatz und visuelle Einheit sind konstante Themen in seinem Werk.

Christopher Sage

2013

 

NEUE FORMEN DES SURREALISMUS: REAL/SUR-REAL, TEIL 2

Dr. Ernst A. Busche
Ausstellungs textauszug

Diese kühl kalkulierten, mathematisch konzipierten Werke stehen in der Tradition des Konstruktivismus aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts: Russische Künstler wie Tatlin oder Malewitsch und Bewegungen wie de Stijl und das Bauhaus standen Pate. Aber auch die andere Seite ist sofort offenbar: Hier gibt es auch das Irrationale, Mystische, das „Sur-Reale“. Seine Gemälde, sagt Christopher Sage, „sind in einer Art von Neurose…“ Ein Zeichen dafür ist ihre gelegentlich schrille, „elektrische“ Farbigkeit, die mit verlassenen, melancholischen Szenerien kontrastiert.

Dieses Spannungsverhältnis setzt sich in den Themen und Motiven fort. Da gibt es etwa den Fortune Teller – was könnte weiter von der Vernunft, gekennzeichnet durch den konstruktivistischen Raum, entfernt sein als das Lesen der Zukuft aus einer Glaskugel? Also lässt Christopher Sage Farbspritzer um die Kugel herumfliegen. Oder die Dreiecks-Konstruktion inPenrose: Diese Figur ist so exakt wie sie unwirklich ist, sie verstößt gegen mehrere Gesetze der Euklidischen Geometrie und lässt sich nicht realisieren. Wir kennen solche Strukturen vor allem durch die Vexierbilder M. C. Eschers, doch einer der Erfinder dieser besonderen „unmöglichen Figur“ ist der Mathematiker Roger Penrose, dessen „Tribar“ Sage zitiert.

Oder nehmen wir die Primzahlen, auf denen große Teile dieses Werks basieren; alle Gemälde haben Primzahl-Maße. Die Primzahl ist völlig eindeutig, es ist eine Zahl, die nur durch 1 und sich selbst teilbar ist. Doch sie steckt auch voller Geheimnisse: So ist ihre Anzahl noch keinesweg ausgelotet, das jüngste Ergebnis ist 2 74.207.281 − 1 , {\displaystyle 2^{74.207.281}-1,} eine Zahl mit 22.338.618 dezimalen Stellen. Auch die Logik der Verteilung von Primzahlen auf dem Zahlenstrahl ist noch unverstanden. Viele meinen, die Primzahl sei das Schönste, was die Mathematik zu bieten habe.

Einer der Begründer des Konstruktivismus ist Paul Cézanne, der die Natur auf die geometrischen Figuren Kugel, Kegel und Zylinder zurückführte, was Sage in After Cézanne illustriert. Zu seinem Schluss kam der Impressionist, nachdem er immer und immer wieder dasselbe Motiv, die Montagne Sainte-Victoire, abgebildet hatte. Am Ende wird er aufgesogen durch diese Landschaft – er verschwindet im Motiv. The Apprentice zeigt Cézanne am Beginn des Prozesses, als die Figur beginnt, in geometrische Formen überzugehen. In anderen Werken (The Telekenisist,Ribbon) löst Sage Köpfe und Formen in Farb- und Pinselwirbeln auf, wobei sie sich effektvoll von geometrischen Grundrastern abheben.

Christopher Sage zeigt uns die Welt als ein rationales, mathematisches Konstrukt, in dem sich das Irrationale mit einigem Wirbel breit macht – so wie sich die Bild-Räume immer wieder brechen und unterschiedliche Darstellungsformen gegeneinander stoßen. Albert Einstein sagt dazu: Mathematische Theorien über die Wirklichkeit sind immer ungesichert – wenn sie gesichert sind, handelt es sich nicht um die Wirklichkeit. Was zählt, ist Intuition.

Dr. Ernst A. Busche

2016
busche-kunst.com

 

DIE BEGEGNUNG VON MATHEMATIK UND KUNST

Dr. Bettina Broxtermann

Die Gemälde von Christopher Sage führen den Betrachter in eine Welt, die an verlassene Jahrmärkte und verwirrende Labyrinthe erinnert. Der Künstler spielt mit Mathematik, Magie, Mystik und Fiktion. Primzahlen definieren den Umfang seiner Gemälde sowie Maße und Ausformung der bildnerischen Elemente. Seine illusionistischen Räume entwickelt der Künstler mit Hilfe der Zweipunkt-Fluchtperspektive und weiterer, mathematisch basierter Techniken.

Nach der Grundierung der Leinwände trägt der Künstler als deckende Schicht Farbwirbel von zurückhaltender Farbigkeit auf, ein Beige, ein dunkles Braun oder Grün. Aus Dreiecken, Rechtecken und Rauten, also einfachen mathematischen Grundformen, legt er ein buntes Muster darüber. Im ersten Moment fühlt sich der Betrachter durch die Formen- und Farbvielfalt an Tapeten der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert. Die Musterung ist an den beiden Fluchtpunkten im Innenraum des Bildes ausgerichtet, so dass der Blick über die Formen und Bildelemente hinweg den Kompositionslinien folgen kann. An manchen Stellen werden die Formen gespiegelt, geklappt oder gedreht, sodass Räume voll raffinierter visueller Spannung entstehen. Was ist Decke, was ist Boden, wo öffnet sich ein neuer Raum, wo endet ein Weg? Einzelne Formen legen sich transparent über andere oder werfen Schatten. Holzpfosten als Elemente realer Ausstellungsräume ragen wie Fremdkörper im Bild empor, nehmen dabei die geometrischen Farbflächen wie Staffeleien oder Ausstellungswände auf. Zickzackbänder ziehen sich wie der Faden der Ariadne durch das Bild, ohne den Betrachter aus dem Irrgarten zu führen. Im Gegenteil - er ist immer wieder gezwungen, seine eigene Perspektive zu verändern, sie in Frage zu stellen und sich neu zu orientieren.

After the show, 2012
35.9 x 36.7cm
acrylic paint on canvas on MDF board
After the show installation view , 2012
installation dimensions variarble
After the show, MDF board, wood & bunting

Noch irrealer wird die Atmosphäre, wenn sich an diesen menschenleeren Orten einzelne Möbelstücke einfinden. Dann kann es passieren, dass sie von den bunten Farbflächen aufgesogen, verdeckt und überlagert werden ohne ganz zu verschwinden. Die Bilder spielen mit einer Fülle an Farben, auch solchen, die scheinbar nicht zusammen passen. Die Farbflächen sind in ihrer Begrenzung exakt gearbeitet. Einzelne Würfel und Kegel setzen Akzente. Eine Kette bunter Wimpel fügt sich so gar nicht in diese mathematische Formensprache ein und hinterlässt – noch stärker als bei anderen Bildern – den Eindruck einer verlassenen Zirkuswelt.

Installationen

Schon während seiner Studienzeit an der Universität in Reading beschäftigte sich Christopher Sage mit der optischen Illusion. Es entstanden Skulpturen, Installationen und später Gemälde.

Heute überträgt er manchmal seine Gemälde mit ihren scheinbar nicht zusammengehörenden Elementen in den Raum: die Musterung der Wände, die Staffeleien, Trennwände, Pfosten oder Ketten aus bunten Wimpeln. Auch hier unterwerfen sich Anordnung und Ausstaffierung den Primzahlen. Der Betrachter fühlt sich wie in einem Spiegelkabinett, wenn er in diesen dreidimensionalen Konstruktionen plötzlich dem real geschaffenen, zweidimensionalen Bild gegenüber steht.

100 years upside down, 2012
36.7 x 37.3cm
acrylic paint on canvas on board
101 years, 2013
installation dimensions variarble
100 years upside down, The 3, Helix & house-paint

Bei seinen Lautsprecher Installationen zerschneidet der Künstler drei gleiche schwarze Lautsprecher im Verhältnis von Primzahlen und Winkeln in jeweils drei Teile. Danach setzt er sie wieder zusammen, indem er für jeden der drei neuen Lautsprecher ein Teil der beiden anderen verwendet. So entstehen der XYZ, der ZXY und der YZX black-box resonator. Aus drei identischen Lautsprechern wurde drei ganz unterschiedlicher Form. Der Audio Loop, der die Lautsprecher akustisch zum Leben erweckt, hat wieder jeweils eine Länge, die auf Primzahlen basiert, z.B. 4min. 01sec. = 241sec.

XYZ, ZXY & YZX black-box resonators, 2012
22 x 17 x 11cm
black MDF board with speakers & mp3 players

Arbeiten aus 2012 und 2013

2012 und 2013 integriert Christopher Sage Individuen in seine mathematisch basierten Bildräume. Sie verschmelzen mit ihm und seinen Mustern. Für den Künstler wird in diesen Arbeiten die optische Welt durch eine historisch, gedankliche erweitert.

In dem Gemälde „Emile the Great (Paul)“ ist der Ausgangspunkt eine Fotografie, die der Maler Emile Bernard (1868- 1941) von Paul Cezanne (1839-1906) kurz vor dessen Tod machte. Das Porträt und der Briefwechsel zwischen Bernard und Cezanne sind geprägt von Bernards tiefer Verehrung für den Vater der modernen Malerei, Paul Cezanne. Cezanne beschäftigte sich in seiner Malerei mit dem Verhältnis von Sehen und Wirklichkeit. Sein Ziel war die Abbildung des Sichtbaren. Über Jahre hinweg malte er direkt in der Landschaft sein liebstes Motiv, den Montagne Sainte-Victoire in der Provence. Sein „sich Vertiefen“ in diese einzigartige Landschaft ging so weit, dass Sage eine Verbindung zu Douglas Edison Harding (1909-2007) und seinem Text „On Having No Head“ zieht. Darin beschreibt der Philosoph, Autor und spirituelle Lehrer Harding sein Verschmelzen mit der Landschaft während eines Spaziergangs in den Bergen. Er stellt fest, dass an die Stelle seines Kopfes das Panorama der ihn umgebenden Natur getreten ist. Ähnliches scheint Cezanne bei seiner Arbeit erfahren zu haben.

Genau diese Situation des „Aufgehens in etwas Anderem“ schildert das Bild. Wie ein großer, grüner Berg ragt der Oberkörper Cezannes in das Bild und verschmilzt mit den Zickzackmustern des Hintergrundes. Dort, wo der Kopf sein müsste, erblickt der Betrachter einen leeren, fast magisch erleuchteten Kragen. Darüber schwebt ein Zylinder. Der Titel des Bildes „Emile the Great (Paul)“ erinnert an den Auftritt eines Magiers, der bei seinen Kunststücken den eigenen Kopf weg zaubert.

Das Pendant dieses Bild trägt den Titel „The Apprentice (Paul)“ und stellt ein Porträt des jungen Paul Cezanne nach einem Foto von einem unbekannten Fotographen dar. Auch hier hat Cezanne seinen Kopf verloren. An die Stelle von Nase und Augen sind eine Pyramide und ein roter Kreis getreten. Hängt man „The Apprentice (Paul)“ links neben „Emil the Great (Paul)“ laufen die Zickzackstreifen von links nach rechts ungebrochen vom einen Bild ins andere weiter. Sage stellt damit in seiner Verbindung aus gedanklichen, inhaltlichen und malerischen Komponenten die Entwicklung der jungen Malers Paul zum Meister seines Faches dar.

The Apprentice (Paul), 2013
47 x 41cm
oil & acrylic paint on canvas
Emile the Great (Paul), 2012
47 x 41cm
oil & acrylic paint on canvas

Die Gemälde von Christopher Sage werden zur Bühne unterschiedlicher Ideen. Zahlen, ihr Verhältnis zueinander, historische Gegebenheiten und eigene Gedanken geben der zweidimensionalen Bildsprache eine neue Identität und machen viele Sichtweisen möglich – so auch die Übertragung von der zweidimensionalen in die die dreidimensionale Welt.

Dr. Bettina Broxtermann

2014
www.dr-broxtermann.de

 

DIE BEGEGNUNG VON MATHEMATIK UND KUNST
Dr. Bettina Broxtermann
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Austellung Texte
Death at the Sideshow : REH Kunst
Valeska Hageney
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